Aktien – Ist eine langfristige Anlage in Schwellenländer-Aktien empfehlenswert?

Über mögliche Startaufstellung eines Portfolios haben wir im vorangegangenen Artikel gesprochen. Die Grundaufstellung hängt von der Risikoneigung des Anlegers und der persönlichen Einschätzung der Anlageklasse ab.

Diese Anlageentscheidung wird momentan dadurch zusätzlich erschwert, sich in einem extremen Marktumfeld, dem nicht ausgewichen werden kann, positionieren zu müssen. Die Aktienindizes in Industrieländern sind auf Höchstständen. Die Zinsen historisch niedrig. Sind Investitionen in Aktien der Schwellenländer dann noch interessant?

Denn viele Schwellenländer schwächeln momentan. Die Nachrichten der letzten Monate lassen vermuten, dass die Schwellenländer – und hier besonders die großen wie China, Brasilien, Indien und die Türkei – nicht nur unter strukturellen, ökonomischen und politischen Problemen leiden, sondern auch unter der Geldpolitik der westlichen Zentralbanken.

Fakten

Langfristige Rückschau. Wir haben in der unteren Graphik den Verlauf der Euro-denominierten Indizes  MSCI Welt (Industrieländer), MSCI Schwellenländer (MSCI EM) und MSCI BRIC-Staaten seit Einführung des Euros dargestellt. Es ist offensichtlich, dass in dem untersuchten Zeitraum der MSCI Welt weniger schwankte als die beiden anderen Indizes.

Der MSCI EM umfasst etwas über 800 Unternehmen in 21 Ländern. Da sich die Zusammensetzung nach der Marktkapitalisierung richtet, sind China mit 19,63 Prozent, Südkorea mit 15,87 und Taiwan mit 11,85 Prozent die Schwergewichte, gefolgt von Brasilien mit 10,99 Prozent und Südafrika mit 7,33 Prozent. Die neben China und Brasilien beiden anderen BRIC-Länder Indien und Russland sowie die Türkei sind mit geringeren Anteilen vertreten.

Alle drei Indizes konnten sich weder der Dotcom- noch der Finanz- oder Staatsschuldenkrise entziehen. In den letzten Jahren waren die Ausschläge der Aktien aus den Schwellenländern intensiver als die der Industrieländer – sowohl bei den Auf- als auch den Abschwüngen. Den größten Einbruch gab es während der Finanzkrise 2008/9, um dann im April 2011 fast wieder an das Allzeithoch anzuknüpfen. 2011 und auch in diesem Jahr gab es wiederum Einbrüche.

Quelle: http://www.msci.com/products/indices/country_and_regional/em/performance.html

Während die Anleger in den MSCI Welt nach der Dotcom-Krise erst wieder seit Anfang 2013 in die Gewinnzone gelangt sind, sind es die Anleger der anderen Indizes seit April 2005.

Kurzfristige Rückschau. Schauen wir uns die Entwicklung der drei obigen Indizes über einen kürzeren Zeitraum an, verschiebt sich die Performance. Der MSCI Welt und MSCI BRIC tauschen die Plätze. Die Aktien der Industriestaaten haben sich in der letzten Zeit besser entwickelt als die der Schwellenländer, wobei besonders die BRIC-Staaten an Boden verloren haben. Wer vor zwei Jahren in den BRIC-Index investiert hat, würde per heute mit seiner Investition kein Geld verdient haben. Eine nüchterne Erkenntnis – gerade vor dem Hintergrund, dass besonders die BRIC-Länder häufig als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft bezeichnet werden. Denn deren aufholende Entwicklung sorgt für höhere Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes, eine wettbewerbsintensivere Industrie und größere inländische Konsumnachfrage aufgrund des steigenden Einkommens.

Sind die Schwellenländer trotzdem noch attraktiv?

 Quelle: http://www.msci.com/products/indices/performance.html

Probleme der Schwellenländer

Die Aktienkurse in den Industrieländern werden in erster Linie nicht von positiven fundamentalen Daten getrieben, sondern von der wachsenden, nach Anlagemöglichkeiten suchenden Liquidität. Denn ein von der Deutschen Bank geschätztes Minuswachstum für 2013 im Euroraum von etwa 0,2 Prozent kann eigentlich kein Argument für die Kursexplosion der letzten Zeit sein.

Auf der anderen Seite wirken sich die Wachstumsprobleme der Industrieländer in den Schwellenländern aus. Es werden weniger Produkte aus den Ländern nachgefragt. Ebenso haben viele dieser Länder mit strukturellen Problemen zu kämpfen wie China mit massiven faulen Krediten, Schattenbanken und regionalen Ungleichgewichten sowie der zu exportorientierten Wirtschaft. Oder auch Länder wie Brasilien, Indien und Indonesien, deren Währungen unter teilweise enormen Kapitalabflüssen leiden, die sich bessere Renditen aus Anlagen in Industrieländern versprechen. Gegenüber dem Vorjahr rechnet die Deutsche Bank mit einer Verlangsamung der Wachstumsrate in den Schwellenländern. Sie reduzierte ihre Vorhersage für 2013 von 5,5 Prozent auf 4,5 Prozent.

Neben hausgemachte Probleme sind die Schwellenländer von einer externen Gefahr betroffen, gegen die sie sich nicht wehren können. Sollten die FED und die EZB sich für einen Zinsanstieg entscheiden, um die Kreditschwemme zu verringern, werden sich die Geldströme aus den Entwicklungsländern weiter Richtung Industriestaaten bewegen. Einen kleinen Vorgeschmack davon erlebten die Länder im August als Marktteilnehmer vermuteten, dass die FED die Politik des billigen Geldes ändern wird.

Vorteile der Schwellenländer

Neben den momentanen negativen Meldungen aus den Schwellenländern dürfen jedoch die vergleichsweisen positiven Zukunftsaussichten, die besonders für langfristig orientierte Anleger mit als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden sollten, nicht vernachlässigt werden.

Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer wachsen unverändert dynamischer als die der Industriestaaten. Aufgrund der aufholenden Entwicklung und des Bevölkerungswachstums, der sich auch in einem demographischen Vorteil ausdrückt, da der Anteil junger, konsumorientierter Menschen stetig wächst, ist zu erwarten, dass die Dynamik auch über einen längerfristigen Zeitraum anhalten wird. Der Rohstoffreichtum in den Ländern wie Brasilien, Indonesien und Russland, sorgt für zusätzliche positive Zukunftsaussichten. Sollte es den großen Ländern gelingen, von der übergewichteten Exportorientiertheit auf einen erhöhten Binnenkonsum umzustellen, dürfte sich die Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte länger langfristig bemerkbar machen.

Die Verschuldung der wichtigsten Schwellenländer liegt unterhalb der Industrieländer. Die meisten der Länder verfügen über positive Handelsbilanzen. Geschätzte 80 Prozent der globalen Weltwährungsreserven befinden sich im Besitz der Schwellenländer. Deshalb dürften sie auch in der Lage sein, Rezessionen und Krisen besser als in der Vergangenheit zu bekämpfen.

Analyse der Korrelationen

In unseren Büchern haben wir gezeigt, dass über einen langfristigen Zeitraum betrachtet Aktienmärkte mit Korrelationskoeffizienten von fast 0,7 bis 1,0 untereinander sehr hoch korreliert sind. Das gilt auch für die drei erwähnten Indizes. Verkürzen wir den Betrachtungshorizont jedoch auf etwa zwei Jahre seit Anfang 2012, verändern sich die Koeffizienten. Während der BRIC- und Schwellenländer-Index mit 0,93 noch sehr hoch korrelieren, verringert sich der Koeffizient für die Korrelationen von Schwellenländer- und Welt-Index auf 0,27 sowie die Korrelation der BRIC- und Welt-Indizes auf minus 0,02.

Durch die Globalisierung sind die Aktienmärkte eng verflochten. Langfristige Renditeschwankungen scheinen sich aus der Korrelationsanalyse historischer Daten nicht zu ergeben. Durch eine Investition in unterschiedliche geographische Aktienmärkte können jedoch systemische Krisen, also allgemeine Marktrisiken wie wir sie in einigen BRIC-Staaten beispielsweise momentan vorfinden, abgefedert werden.

Sollten Aktien aus Schwellenländern im Portfolio sein?

Wir meinen ja. Neben den Ergebnissen aus der Korrelationsanalyse sprechen auch volkswirtschaftliche Überlegungen für eine Investition. Die demographischen Strukturen mit zunehmender Binnennachfrage, der Rohstoffreichtum und die relativ gesunden Staatsfinanzen stellen für die Schwellenländer ein großes Wachstumspotential dar. Für langfristig orientierte Anleger, die einerseits die Chancen sehen und andererseits bereit sind, die höheren Volatilitäten der Märkte zu akzeptieren, könnte es sich ohne Weiteres auszahlen, antizyklisch zur gegenwärtigen Marktstimmung in die Märkte einzusteigen und langfristig an der Entwicklung der Märkte durch Investitionen in einen ETF auf beispielsweise den breit aufgestellten MSCI Emerging Market Index  zu partizipieren. 

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